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Systemischer Pflanzenschutz als Schlüssel für stabile Erträge

Resistenzen, der Wegfall zentraler Wirkstoffe und neue Schaderreger erhöhen den Druck auf den Ackerbau und machen deutlich: Zukunftsfähiger Pflanzenbau braucht einen integrierten, systemischen Ansatz aus Fruchtfolge, Bodenbearbeitung, Sortenwahl, Präzisionstechnologie und einem gezielt eingesetzten chemischen Instrumentarium. Wie solche Strategien praxisnah umgesetzt werden können, zeigen die DLG-Feldtage 2026 vom 16. bis 18. Juni in Bernburg mit Live-Demonstrationen, Fachvorträgen und innovativen Lösungen für ein nachhaltiges Resistenzmanagement.

Die Entwicklung des landwirtschaftlichen Pflanzenbaus seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eng mit dem Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel verbunden. Diese Wirkstoffe ermöglichten hohe und stabile Erträge, insbesondere in zunehmend spezialisierten und intensivierten Fruchtfolgesystemen. Enger werdende Fruchtfolgen, eine stärkere Konzentration auf wenige Marktfrüchte und die damit verbundene Zunahme spezifischer Schadorganismen führten zu einer strukturellen Abhängigkeit von hochwirksamen Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden. Dieses System stößt jedoch zunehmend an seine Grenzen. 

Schrumpfender chemischer Werkzeugkasten

Resistenzbildungen bei Ungräsern wie Ackerfuchsschwanz schreiten voran, während gleichzeitig die Zahl verfügbarer Wirkstoffe kontinuierlich abnimmt. Seit 2019 sind mehr als 80 chemisch-synthetische Wirkstoffe weggefallen, während kein neuer Wirkstoff dieser Gruppe in der EU zugelassen wurde. Hinzu kommt, dass die Wirkstoffprüfung von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland und Europa zu den strengsten Genehmigungsverfahren weltweit zählt. Für die landwirtschaftliche Praxis entsteht daraus eine doppelte Herausforderung: ein wachsender phytosanitärer Druck bei gleichzeitig schrumpfendem chemischem Werkzeugkasten.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung in der Ungrasbekämpfung im Wintergetreide. Über viele Jahre bildete der Bodenwirkstoff Flufenacet das Rückgrat der Herbstbehandlung gegen Ackerfuchsschwanz, Weidelgras und weitere Ungräser. Der endgültige Wegfall dieses Wirkstoffs im Dezember 2026 markiert daher eine Zäsur. Die verbleibenden Bodenwirkstoffe wie Prosulfocarb, Pendimethalin oder Chlortoluron sind vielfach seit Jahren im Einsatz, teilweise bereits resistenzgefährdet und in ihrem Wirkungsspektrum enger. Damit erhöht sich der Selektionsdruck auf die verbleibenden Wirkmechanismen erheblich, was die Gefahr einer beschleunigten Resistenzentwicklung weiter verstärkt.

Mit dem neuen Wirkstoff Luximo steht erstmals seit rund zwei Jahrzehnten wieder ein herbizider Wirkmechanismus für die Ungraskontrolle im Winterweizen zur Verfügung, der keine Kreuzresistenzen zu ALS- oder ACCase-Hemmern aufweist. Strategisch darf ein solcher Wirkstoff jedoch nicht als Allheilmittel gesehen werden, sondern muss als einzelnes Element in einem deutlich ausgedünnten Instrumentarium eingeordnet werden. Gerade die Einführung innovativer Wirkmechanismen erfordert eine besonders verantwortungsvolle Einbindung in integrierte Strategien.

Ackerbauliche Maßnahmen werden wieder bedeutender

Die Konsequenz aus dem Wegfall zentraler Wirkstoffe ist eine strukturelle Verschiebung der Gewichtung innerhalb des Pflanzenschutzsystems. Ackerbauliche Maßnahmen rücken vom begleitenden Faktor zum tragenden Fundament der Bestandesführung auf. Nachernte- und Bodenmanagement entscheiden zunehmend darüber, wie hoch der Ungrasdruck im folgenden Herbst ist. Flexible, mehrstufige Verfahren ersetzen starre Bearbeitungssysteme. Ebenso gewinnt das Saatbettmanagement an Bedeutung. Spätere Saattermine im Wintergetreide können den Ungrasdruck deutlich reduzieren, sind jedoch mit Ertragsrisiken verbunden, sodass eine standortangepasste Abwägung erforderlich ist.

Die Fruchtfolgegestaltung wird damit zur zentralen Stellschraube eines wirksamen Resistenzmanagements. Enge, wintergetreidebetonte Fruchtfolgen haben maßgeblich zur heutigen Problemlage beigetragen, da sie die Selektion bestimmter Ungräser begünstigten. Die Integration von Sommerungen, Zwischenfrüchten und Kulturen mit abweichender Saat- und Erntezeit verändert Selektionsbedingungen und reduziert die Dominanz einzelner Problemarten. Sortenwahl und Bestandesführung ergänzen dieses System, indem konkurrenzstarke Sorten mit rascher Jugendentwicklung Unkräuter unterdrücken. Feldhygiene ist in diesem Kontext kein isolierter Eingriff, sondern ein Netzwerk miteinander verzahnter Maßnahmen, das sich an Standort, Witterung und betrieblicher Ausrichtung orientieren muss. Genau hier zeigt sich die Bedeutung des systemischen Gedankens: Einzelmaßnahmen verlieren isoliert betrachtet an Wirkung, entfalten jedoch in ihrer Kombination eine stabilisierende Funktion.

SBR/Stolbur als Beispiel für systemischen Ansatz

Die Notwendigkeit eines systemischen Ansatzes wird besonders deutlich am Beispiel von SBR (Syndrom niedriger Zuckergehalte) und Stolbur in Zuckerrüben. Beide Krankheiten werden durch bakterielle Erreger verursacht, die über die Schilf-Glasflügelzikade übertragen werden. Die hohe Mobilität des Vektors erschwert die Bekämpfung erheblich. Die Ausbreitung der Zikade erfolgt von Süd- nach Norddeutschland mit hoher Dynamik, neue Wirtspflanzen wie Kartoffeln, Rote Beete oder Karotten erweitern das Befallsspektrum. Der aktuell größte Hebel zur Ertragssicherung ist der integrierter Ansatz, in dem alle Bausteine ineinandergreifen müssen. Die chemische Kontrolle kann nicht als ausreichende Lösung angesehen werden. Hinzu kommt, dass wirksame Mittel nur über Notfallzulassungen zugelassen sind.

Forschungsergebnisse aus nationalen und europäischen Projekten zeigen jedoch, dass ackerbauliche Maßnahmen einen erheblichen Einfluss auf die Populationsdichte der Schilf-Glasflügelzikade haben. Der bewusste Verzicht auf Winterungen nach Zuckerrüben oder Kartoffeln entzieht den im Boden lebenden Nymphen weitestgehend die Nahrungsgrundlage. Schwarzbrache oder späte Sommerungen können bei hohem Befallsdruck zur Populationsreduktion beitragen. Ergänzend spielen eine tiefe Bodenbearbeitung, nicht wirtstaugliche Zwischenfrüchte, eine Förderung der frühen Jugendentwicklung der Kultur sowie möglichst frühe Erntetermine eine Rolle. Letzteres ist aber innerhalb einer getakteten Kampagne nicht umsetzbar. Erfahrungen aus der Schweiz und Süddeutschland belegen, dass solche systemischen Anpassungen sowohl die Zikadenzahlen als auch die Krankheitssymptome signifikant reduzieren können. Erforderlich ist allerdings eine großflächige Umsetzung. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass solche phytosanitären Herausforderungen zunehmend nur noch in regional koordinierten Managementansätzen beherrschbar sind. Einzelbetriebliche Maßnahmen reichen bei mobilen Schaderregern nicht aus.

Der integrierte Pflanzenschutz stellt damit keinen abstrakten Leitbegriff dar, sondern beschreibt die zwingende Notwendigkeit, präventive, mechanische, biologische und chemische Verfahren in ein schlüssiges Gesamtsystem einzubetten. Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel behalten dabei ihre Bedeutung, insbesondere als Ultima Ratio zur Sicherung von Erträgen und zur Begrenzung qualitativer Risiken wie Mykotoxinbelastungen. Sie sind jedoch eingebettet in ein breiteres Managementkonzept, das Standortbedingungen, Fruchtfolge, Sortenwahl und technologische Innovationen berücksichtigt. Zukunftstechnologien wie Smart-Spraying-Systeme, digitale Entscheidungshilfen, Robotik oder KI-gestützte Applikationsstrategien erhöhen die Präzision und können Selektionsdruck reduzieren, ersetzen jedoch nicht die Notwendigkeit einer ausreichenden Wirkstoffvielfalt.

Ordnender Rahmen nachhaltige Produktivitätssteigerung

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Leitbild der nachhaltigen Produktivitätssteigerung an Bedeutung, wie es von der DLG vertreten wird. Dieses Leitbild reagiert auf die Defizite eines Politikansatzes, der ökologische Zielsetzungen teilweise isoliert von Fragen der Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit betrachtet hat. Nachhaltige Produktivität bedeutet, Ertragsstabilität, ökonomische Tragfähigkeit und Ressourcenschutz nicht gegeneinander auszuspielen, sondern systematisch miteinander zu verbinden. Zielkonflikte zwischen Ertragssicherung und Umweltwirkungen verschwinden nicht, können jedoch durch technologische Innovation, Präzision und Effizienz deutlich reduziert werden. Der moderne Pflanzenschutz ist in diesem Verständnis ein unverzichtbarer Bestandteil eines integrierten Pflanzenbaus. Er trägt dazu bei, Erträge zu sichern, Flächeneffizienz zu erhöhen und damit indirekt auch Flächendruck auf sensible Ökosysteme zu verringern.

Die zunehmenden Resistenzprobleme, der Wegfall zentraler Wirkstoffe und das Auftreten neuer Schaderreger wie SBR und Stolbur machen deutlich, dass die Zukunft des Pflanzenbaus nicht in einer Reduktion auf Einzelmaßnahmen liegt, sondern in einem konsequent verfolgten, systemischen Baukastenansatz. Fruchtfolge, Sortenwahl, Bodenbearbeitung, digitale Präzisionstechnologien und chemische Pflanzenschutzmittel bilden gemeinsam ein Netzwerk, das nur in seiner Gesamtheit wirksam ist. Der Leitgedanke der nachhaltigen Produktivitätssteigerung bietet hierfür einen ordnenden Rahmen, indem er Produktivität, Umweltleistung und Wettbewerbsfähigkeit als gleichrangige Ziele definiert. In einer Phase wachsender phytosanitärer und regulatorischer Herausforderungen wird dieser systemische Ansatz zur zentralen Voraussetzung für eine langfristig stabile und zukunftsfähige Landwirtschaft in Deutschland und Europa. 

DLG-Feldtage 2026 bieten direkte Entscheidungshilfe

Die DLG-Feldtage 2026 vom 16. bis 18. Juni in Bernburg bieten Landwirtinnen und Landwirten in punkto Pflanzenschutz eine direkte Entscheidungshilfe für ihren Betrieb: Moderne Pflanzenschutzlösungen werden dort im realen Feldeinsatz gezeigt – von aktueller Spritztechnik über mechanische Unkrautregulierung bis hin zu integrierten Anbausystemen. In über 60 fachlich kommentierten Vorführungen sowie in kompakten Formaten wie „Pop-up Talks“, Sprechstunden und Expert Stages erhalten Besucherinnen und Besucher fundierte Einblicke in wirksame Strategien rund um Pflanzenschutz, Düngung, Bodenbearbeitung und Direktsaat – mit klarem Fokus auf Umsetzbarkeit und Effizienz im Betriebsalltag.

Darüber hinaus ermöglichen die DLG-Feldtage eine gezielte strategische Orientierung: Im direkten Austausch mit Ausstellern und Fachleuten können Fragen zu neuen Wirkstoffen, Resistenzmanagement, Smart-Spraying, digitalen Entscheidungshilfen sowie Robotik- und KI-Anwendungen geklärt werden. Damit erhalten Betriebe konkrete Impulse, um Produktivität zu sichern, Ressourcen effizienter einzusetzen und Herausforderungen wie Resistenzen, Klimawandel und neue Schaderreger zukunftsfähig zu bewältigen.