Wertschöpfungskette Weizen neu denken
Die Wertschöpfungskette Weizen steht vor tiefgreifenden Herausforderungen: Anforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit und Qualität müssen gleichzeitig erfüllt werden – entlang aller Stufen vom Acker bis zur Backware. Einzelne Lösungen greifen dabei zu kurz. Gefragt sind integrierte Ansätze, die die Vielfalt der beteiligten Akteure und ihrer unterschiedlichen Herausforderungen berücksichtigen und so den Blick in eine zukunftsfähige Entwicklung ermöglichen. Hier setzen die DLG-Feldtage 2026 an: Mit dem DLG-Spotlight „Wertschöpfungskette Weizen“ erleben Besucherinnen und Besucher die gesamte Wertschöpfungskette: praxisnah, interaktiv und im direkten Austausch mit Expertinnen und Experten. Sie gewinnen so einen kompakten Überblick über aktuelle Fragestellungen und erhalten wertvolle Impulse für die Zukunft des Qualitätsweizens.
Die Wertschöpfungskette Weizen steht in Deutschland vor einer strukturellen Transformation, die durch zwei zentrale und teilweise korrelierende Zielgrößen geprägt ist: Nachhaltigkeit und Qualität. Beide Anforderungen wirken nicht isoliert, sondern greifen entlang der gesamten Kette vom Acker bis zur Backware ineinander und erzeugen auf nahezu jeder Stufe zunehmend spürbare Zielkonflikte.
Die Diskussion um Nachhaltigkeit wird dabei maßgeblich durch klimapolitische Zielsetzungen der Europäischen Union bestimmt, insbesondere im Rahmen des European Green Deal und der Farm-to-Fork-Strategie (Vom Hof auf den Tisch).
Gleichzeitig werden die Qualitätsanforderungen weiterhin durch Marktstandards, lebensmittelrechtliche Vorgaben und die Erwartungen von Handel und Verbrauchern definiert. Der Weizensektor befindet sich somit in einem Spannungsfeld aus Klimawandel, regulatorischen Restriktionen, Marktanforderungen und technologischen Anpassungsprozessen, die eine integrierte Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich machen.
Ackerbau
Auf der landwirtschaftlichen Produktionsstufe sehen sich Landwirtinnen und Landwirte zunehmend mit klimatischen Extremereignissen konfrontiert, darunter Hitzeperioden, Trockenstress im Frühjahr und Frühsommer sowie Starkniederschläge während der Kornfüllungs- und Erntephase. Für den Weizenanbau bedeutet dies eine erhöhte Variabilität in Erträgen und Qualitätsparametern wie Rohproteingehalt, Fallzahlen und Sedimentationswert.
Die Düngeverordnung ist das zentrale Instrument zur Begrenzung von Nährstoffverlusten beim Einsatz von Stickstoff und Phosphat, wird in der Praxis jedoch stark kontrovers diskutiert. Stickstoff ist aber ein zentraler Einflussfaktor auf den Proteingehalt des Weizenkorns, der wiederum maßgeblich für die Backqualität ist. Ein reduzierter Stickstoffeinsatz kann zwar zur Minderung von Treibhausgasemissionen beitragen, birgt jedoch unter den derzeitigen Vorgaben für Qualitätsweizen das Risiko sinkender Proteingehalte und kann damit einen Einfluss auf die Backqualitäten haben. Teilflächenspezifische Bewirtschaftungsmaßnahmen und digitale Lösungen für die Stickstoffversorgung, die eine gezieltere und effizientere Versorgung der Weizenpflanzen ermöglichen, tragen dazu bei, diesen Zielkonflikt abzumildern. Dennoch bleibt die Balance zwischen ökologischer Entlastung und stabiler Qualität eine zentrale Herausforderung.
Hinzu kommen Restriktionen im Pflanzenschutz, die aus der europäischen Pflanzenschutzmittelverordnung und der Zielsetzung zur Reduktion chemisch-synthetischer Mittel resultieren. Krankheiten wie Ährenfusariosen beeinflussen nicht nur den Ertrag, sondern auch die Mykotoxinbelastung des Ernteguts. Eine reduzierte Fungizidstrategie kann aus Nachhaltigkeitsperspektive sinnvoll sein, erhöht aber unter bestimmten Witterungsbedingungen das Risiko erhöhter DON-Gehalte, was lebensmittelrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann. Die Qualitätssicherung beginnt somit bereits auf dem Feld und erfordert ein integriertes Pflanzenschutzmanagement, das Resistenzzüchtung, Fruchtfolgegestaltung und präzise Applikationstechniken kombiniert.
Ernte und Agrarhandel
In der Erntephase verschärfen sich die Herausforderungen durch zunehmende Wetterextreme. Starkniederschläge während der Ernteperiode führen zu verzögerter Druschreife und erhöhter Kornfeuchte. Eine zu hohe Feuchte bedingt energieintensive Trocknungsprozesse, die sowohl die Kosten als auch die CO₂-Emissionen erhöhen. Eine Erhebung des RKL (Rationalisierungs-Kuratorium für Landwirtschaft) und der Fachhochschule Kiel zeigt beispielsweise, dass Getreidetrocknungsanlagen in schleswig-holsteinischen Markfruchtbetrieben hinsichtlich des spezifischen Energieeinsatzes und der CO2-Emission sehr ineffizient sind. Die Trocknungssysteme könnten rund 30 % Energie einsparen, jedoch bestehe bei nahezu jeder Getreidetrocknungsanlage Investitionsbedarf.
Gleichzeitig darf die Sortenreinheit nicht leiden, da Mischpartien die spätere Vermahlungs- und Backqualität beeinträchtigen können. Eine präzise Chargentrennung erfordert jedoch zusätzliche logistische Aufwendungen, die unter Zeitdruck während der Ernteperiode häufig schwer umzusetzen sind.
Mühlen
Die Mühlenwirtschaft sowie der Agrarhandel fungieren als zentrale Bindeglieder zwischen Primärproduktion und Backwirtschaft vor der Aufgabe, klimabedingte Qualitätsschwankungen auszugleichen. Die technologische Herausforderung besteht darin, aus heterogenen Rohstoffqualitäten ein standardisiertes Endprodukt mit definierten Backeigenschaften herzustellen. Hierzu werden unterschiedliche Partien gemischt, analysiert und durch gezielte Vermahlungsstrategien angepasst. Schwankungen im Proteingehalt, Proteinzusammensetzung oder in der Kleberqualität müssen durch abgestimmtes Mischen kompensiert werden, was jedoch nur möglich ist, wenn ausreichend unterschiedliche Qualitäten verfügbar sind. In Jahren mit flächendeckend niedrigen Proteingehalten sind die Handlungsspielräume begrenzt.
Parallel dazu steht die Mühlenindustrie unter erheblichem Druck, Energieverbrauch und Emissionen zu reduzieren. Die Vermahlung ist ein energieintensiver Prozess. Vor dem Hintergrund steigender Energiepreise und klimapolitischer Zielsetzungen investieren viele Unternehmen in energieeffiziente Antriebstechnik, Wärmerückgewinnung und Prozessoptimierung.
Backwirtschaft
In der Backwirtschaft schließlich verdichten sich die Anforderungen an reproduzierbare Produktqualität, Energieeffizienz und Ressourcenschonung. Industrielle Großbäckereien arbeiten mit hochautomatisierten Linien, in denen Teigführung, Gärzeiten und Backprozesse exakt gesteuert werden. Schwankungen in der Mehlqualität können zu veränderten Teigeigenschaften führen, die Anpassungen in der Prozessführung erforderlich machen. Gleichzeitig ist das Backen selbst energieintensiv. Laut Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks mangele es für energieintensive Produktionsbetriebe aber an verlässlicher Planungs- und Investitionssicherheit.
Lebensmitteleinzelhandel
Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) wiederum fordert zunehmend Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. CO₂-Fußabdrücke, Nachhaltigkeitsberichte und Herkunftsnachweise werden zu wettbewerbsrelevanten Faktoren. Reporting-Standards im Rahmen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU führen dazu, dass auch vorgelagerte Stufen belastbare Daten liefern müssen. Gleichzeitig bleibt der Preisdruck hoch, da Verbraucher zwar Nachhaltigkeit befürworten, jedoch nur begrenzt bereit sind, signifikante Preisaufschläge zu akzeptieren.
DLG-Spotlight „Wertschöpfungskette Weizen“
Die Herausforderungen rund um die Wertschöpfungskette Weizen werden immer komplexer: Zwischen Nachhaltigkeit, Qualität, Klimawandel und steigenden Marktanforderungen reichen einzelne Maßnahmen längst nicht mehr aus. Gefragt sind ganzheitliche, systemische Ansätze, die alle Stationen vom Acker bis zum fertigen Produkt einbeziehen. Daraus ergibt sich eine strukturelle Herausforderung entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Nachhaltigkeitsanforderungen, Marktmechanismen und Zahlungsbereitschaften entwickeln sich nicht immer parallel und erfordern daher von allen Akteuren der Wertschöpfung eine aktive Mitgestaltung und Abstimmung.
Genau hier setzen die DLG-Feldtage 2026 an: Mit dem DLG-Spotlight „Wertschöpfungskette Weizen“ wird die gesamte Wertschöpfungskette greifbar gemacht – anschaulich, interaktiv und praxisnah. Das DLG-Spotlight lädt dazu ein, Wertschöpfung gemeinsam neu zu denken und Zusammenhänge besser zu verstehen. Fachgespräche, Praxisformate und interaktive Elemente zeigen, wie Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel gemeinsam Lösungen entwickeln können. Von der Saat bis zum Brot erhalten Besucherinnen und Besucher spannende Einblicke in die gemeinsamen Herausforderungen und Lösungsansätze der Kettenglieder. Wer die Zukunft des Qualitätsweizens aktiv mitgestalten möchte, findet hier Inspiration, Austausch und konkrete Ansätze für die Praxis.